„Es hat noch nie so gesunde Lebensmittel gegeben wie heute“

Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch wirbt für Stärkung des Ländlichen Raums

Foto: Zachmann
Foto: Zachmann

Landluft ist nichts Neues für Friedlinde Gurr-Hirsch: Die baden-württembergische Staatssekretärin für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (CDU) konnte bei ihrem Besuch auf dem Nöttinger Biobauernhof Gay zwischen Hofladen, Hühnermobil, Rinderstall, Ölpresse und Saatgutaufbereitungsanlage schnell mitreden. „Es ist gut, dass Sie so breit aufgestellt sind und dass die Familie hier so zusammenhält“, lobte sie beim öffentlichen Rundgang und sagte mit Blick zu Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon: „Es gibt wenige, die noch Viehhaltung in ihrer Gemeinde haben. Das ist ein echter Diamant, nicht nur wegen der Grünland-Offenhaltung.“

Während der 70-Jährige Seniorchef Gerhard Gay und seine Frau Elisabeth neben der Ölpresse für Walnüsse, Lein oder Sonnenblumen dort mit anpacken, wo Hilfe benötigt wird, ist Sohn Martin mit seiner Frau Birgit und Enkel Philipp zuständig für den Betrieb. Tochter Damaris Hartlieb kümmert sich mit Schwiegersohn Björn um den Laden. Auf die Frage von Andreas Beier, der Gays Tiere auf kürzestem Wege auf der anderen Straßenseite schlachtet, ob man die Verarbeitung streng getrennter Biolabels wie Demeter und Bioland nicht vereinfachen könne, schlug Gurr-Hirsch vor: „Ich biete Ihnen einfach das Qualitätszeichen Baden-Württemberg mit dem Biosiegel an.“ 1989 haben die Gays auf Bio umgestellt und gehörten damit früh zu den Pionieren – eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereuen: „Wir setzten auf die Vielfalt und sind daher auch in einem widrigen Jahr mit Futterknappheit wie diesem auf einer relativ sicheren Seite.“ Bei der Tatsache, dass einige der Hofbeteiligten trotz den 42 aufwändig bewirtschafteten Hektar und einiger Lohnarbeiten oder Landschaftspflege mit Schafen am Solarpark noch in Vollzeit einem anderen Beruf nachkommen, lässt der Strukturwandel grüßen.

Das verdeutlichte die Staatssekretärin nach dem Eintrag ins Goldene Buch bei einer Diskussionsrunde. Das erste Ziel der Römischen Verträge sei erfüllt und die heimischen Landwirte würden mehr als genug Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. Das zweite Ziel, das das Einkommen für eine angemessene Lebenshaltung betreffe, sei „mitnichten erreicht“, obwohl die Politik die Landwirtschaft hierzulande überhaupt erst wettbewerbsfähig mit dem Weltmarkt gemacht hätte. Daher ermutigte Gurr-Hirsch die Verbraucher, sich von der Ernährungs-Unmündigkeit zu befreien und noch stärker beim Erzeuger einzukaufen – ob konventionell oder Bio, die beide ihre Berechtigung hätten: „Nur wer sich regional engagiert, hat frische Ware vom Acker und Stall auf dem Teller.“ Dies solle auch der neu eingeführte Ernährungsführerschein an Grundschulen bewusstmachen. Langsam aber sicher stehe der Ländlichen Raum wieder im Trend: „Hidden Champions haben wir selbst im hintersten Eck der Hohenlohe und dank Telemedizin kann eine Pflegekraft auch im Ostalbkreis den Experten per Kamera fragen, was bei einem offenen Fuß zu tun ist. Man darf nicht immer erschrecken, wenn man Digitalisierung hört.“ Auch an der Anbindung von Randgebieten mit unzureichendem Empfang arbeite man mit Hochdruck, erfuhr der Bauernverbands-Enzkreisvorsitzende Ulrich Hauser auf Nachfrage. „Das ist eine Schande für Deutschland, wir müssen aufpassen, dass wir nicht abhängt werden“, verdeutlichte Gurr-Hirsch.

Auf die Frage einer Nöttingerin, woher der verunsicherte Verbraucher denn noch wissen könne, was angesichts von Pflanzenschutzmitteln und Düngern in den Produkten steckt und wie es dem Boden dabei geht, brach die Staatssekretärin eine Lanze für die Landwirte. Dass die Menschen immer älter würden komme nicht etwa von immer mehr Rückständen – anders als zu Zeiten von gefährlichen DDT-Insektiziden oder Asbestgebäuden rund um die Fünfzigerjahre. Der Verbraucherschutz werde großgeschrieben – oft sei die Gefahr von dem, was im Kühlschrank passiere, noch viel größer: „Da arbeitet man mehr als jeder andere, ist dem Markt und Wetter ausgesetzt, pflegt die Landschaft und wird dann noch gebrandmarkt als Tierquäler und Giftmischer. Dabei hat es noch nie so gesunde Lebensmittel gegeben wie heute – und das kann man messen.“ 

 

BILD: 

EIN BLICK IN DEN RINDERSTALL durfte beim Besuch der Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch (Dritte von links) in Remchingen nicht fehlen. Zusammen mit Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon (Vierter von rechts), dem Remchinger CDU-Fraktionssprecher Dieter (Walch) (links) und dem CDU-Gemeindeverbandsvorsitzenden Roland Kröner (Zweiter von links) ging sie mit Familie Gay auf Tour. Foto: Zachmann

 

 

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