Zukunft der ärztlichen Versorgung im Ländlichen Raum

Informations- und Diskussionsveranstaltung mit Friedlinde Gurr-Hirsch 

Schon seit einiger Zeit ist die Zukunftssicherheit der ärztlichen Versorgung im Ländlichen Raum ein besonderes Anliegen von Friedlinde Gurr-Hirsch. „In meiner Zeit als Staatssekretärin habe ich ein Programm gemeinsam mit der Universität Heidelberg gestartet, bei dem die Zusatzausbildung bezahlt wurde. Das Problem liegt aber nur teilweise an der reinen Zahl der vorhandenen Ärzte“, so die CDU-Landtagsabgeordnete in ihrer einführenden Rede. Vielmehr wirke sich der generell zu beobachtende gesellschaftliche Wandel auch auf die Ärzteschaft aus. Das Thema „Work-Life-Balance“ berühre auch die medizinischen Berufe. Eine 70-Stunden-Woche wolle sich heute kein Familienvater und keine Mutter mehr zumuten. „Es freut mich sehr, dass die Zahl der angehenden Ärztinnen so hoch ist, 63 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich. Aber das Gesundheitssystem hat sich noch nicht darauf eingestellt“, sagte die Politikerin, die auch frauenpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion ist. Auf diese hoch komplexe Problemstellung müsse eine Antwort gefunden werden.
Viele mögliche Vorschläge würden auch von der Politik diskutiert, berichtete die Abgeordnete. Für Friedlinde Gurr-Hirsch liegt jedoch eine vielversprechende Lösung in der genossenschaftlichen Idee: wenn einer alleine etwas nicht schafft, kann die Kooperation mit anderen helfen. Deshalb lud die CDU-Politikerin an dem Abend den Berater für Neugründungen des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), Dr. Michael Roth, nach Kleingartach ein. Eppingens Oberbürgermeister Holaschke habe ihr die Probleme geschildert, die es gebe, einen Nachfolger für den örtlichen Hausarzt zu finden. „Es ist wichtig, gerade junge Mediziner anzusprechen, die vor der Entscheidung stehen, eine eigene Praxis zu gründen. Innovative unternehmerische Modelle müssen die Ärzte in ihrer Lebenssituation abholen“, führte Dr. Michael Roth eingangs aus. Die Vorteile, die über das Modell der Ärztegenossenschaft erreicht werden könnten, kann dieses Modell ganz klar aufzeigen, so der Experte: flexiblere Arbeitszeiten, die Möglichkeit zum Austausch mit Kollegen und eine Reduktion des bürokratischen Aufwands wie des finanziellen Risikos. Beispiele für Genossenschaften im Gesundheitsbereich gebe es auch schon in Baden-Württemberg, allerdings bislang nicht im Kernbereich der allgemeinmedizinischen Praxis. In der Schweiz sei das Genossenschaftsmodell sehr beliebt und trage mit den vorgenannten Vorteilen zu einer erfolgreichen Abwerbung junger Ärzte aus Deutschland bei. 
Zwei grundsätzlich denkbare Modelle stellte der Berater schließlich dem Publikum vor. Die erste Variante beinhaltet, dass Bürger und Kommunen Praxisräumlichkeiten vor Ort finanzieren und betreiben. Ärzte können diese Praxis dann in Voll- oder Teilzeit nutzen oder sich die Dienstzeiten teilen. Dadurch werden insbesondere jüngere Mediziner angesprochen, denen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr wichtig ist. Die zweite Variante sei die sogenannte Praxisgenossenschaft. Jüngere Ärzte, Teilzeit-Ärzte oder Ärzte in Elternzeit teilen sich die Verantwortlichkeiten, Sprechzeiten und Verwaltung. Zusätzlich bietet dieses Modell die Möglichkeit des Angestelltenverhältnisses für Ärzte und den Austausch mit Kollegen und stellt damit eine Alternative zu Gemeinschaftspraxen dar. „Der Mensch sollte im Mittelpunkt des Gesundheitssystems stehen, als Arzt wie als Patient. Deshalb brauchen wir innovative Lösungen – ich glaube die genossenschaftliche Idee bietet einen geeigneten Ansatz dafür“, fasste Dr. Michael Roth seine Ausführungen zusammen. 
Friedlinde Gurr-Hirsch bedankte sich beim Referenten des Abends mit ihrer Anerkennung für die Lösungsansätze, die er aufgezeigt hatte: „Genossenschaften sind ein Modell, an das man vielleicht nicht immer zuerst denkt, aber ich bin immer wieder erstaunt, welche Möglichkeiten dadurch eröffnet werden. Ich glaube, dass wir in Zukunft bei den Hausärzten weniger Einzelkämpfer und mehr Teamplayer haben werden – die Genossenschaft passt hier perfekt zur Lebenswirklichkeit der Menschen.“ Sie hoffe, dass sie mit der Veranstaltung einen Impuls für die Überlegungen vor Ort geben konnte; Oberbürgermeister Holaschke und Ortsvorsteher Friedhelm Ebert jedenfalls wollen zusammen mit dem BWGV und Friedlinde Gurr-Hirsch versuchen, ein Pilotprojekt in Kleingartach zu prüfen.
 

Nach oben