Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch bei der Fachtagung zum Rebhuhnschutz: Handeln, bevor es zu spät ist

Schwund der Feldvogelart kann durch stärkere Kooperation, Schutz von Lebensräumen und gezielte Agrarförderung gestoppt werden

 

Rottenburg – Gibt es eine Chance für das Rebhuhn? Über diese Frage berieten Fachleute aus Naturschutz, Wissenschaft, Jagd, Landwirtschaft, Verwaltung und Politik am Donnerstag und Freitag in Rottenburg-Ergenzingen. Die Fachtagung „Perspektiven für das Rebhuhn – Status quo, Fördermöglichkeiten und Wege zum Erfolg" rückte die Zukunft des vom Aussterben bedrohten Feldvogels in den Mittelpunkt. Das Fazit des zweitägigen Austauschs: Ja, eine Zukunft für das Rebhuhn ist möglich. Doch dafür braucht es mehr Lebensräume, mehr finanzielle Förderung für erfolgreiche Schutzvorhaben. Und nicht zuletzt eine bessere Vernetzung der Akteure.


 

Das Rebhuhn verschwindet aus unserer Landschaft. Seit 1980 sind die Bestände europaweit um rund 90 Prozent eingebrochen. Auch in Deutschland hat der einstige Charaktervogel der offenen Ackerlandschaften einen enormen Rückgang erlitten. Dieser Negativ-Trend hält an, berichtete Dr. Eckhard Gottschalk von der Universität Göttingen: „In Niedersachsen etwa, dem rebhuhnreichsten Bundesland, ist der Bestand innerhalb der letzten 13 Jahre abermals um 70 Prozent zurückgegangen."

Der Rebhuhn-Forscher schilderte den 180 Gästen die Ergebnisse langjähriger Telemetriestudien sowie die Entwicklung wirksamer Schutzmaßnahmen. Besonderes Augenmerk haben die Wissenschaftler auf die kritische Phase der Brutzeit gelegt. „Die Tiere brüten vorwiegend in ungenutzter Vegetation wie Feldrainen oder Brachen, die heute in der Agrarlandschaft meist fehlen. Zum Ausgleich wurden Blühflächen mit optimaler Vegetationsstruktur geschaffen. Da die Gefahr für Hennen enorm hoch ist, bei der Brut Opfer von Beutegreifern zu werden, legen wir keine streifenförmigen Habitataufwertungen an, sondern nur flächige: Dort werden brütende Hennen weitaus weniger gefunden, wie unsere Daten zeigen." Im Rahmen des Interreg-Projekts „PARTRIDGE", an dem Projektgebiete in fünf europäischen Ländern beteiligt sind, wurden diese Maßnahmen erfolgreich erprobt.

 

Taktgeber für erfolgreichen Rebhuhnschutz finden sich unter dem Dach der Allianz für Niederwild. Das Gemeinschaftsprojekt der Wildforschungsstelle des Landes und des Landesjagdverbands Baden-Württemberg wird vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg gefördert. Es unterstützt und berät lokale Initiativen zum Feldvogelschutz in Baden-Württemberg. „Das Rebhuhn ist eine faszinierende Art, welche wir unter allen Umständen erhalten und fördern werden. Wichtig für das Rebhuhn in unserer Kulturlandschaft ist ein gemeinsames Handeln der Akteure aus Landwirtschaft, Naturschutz, Jägerschaft, Kommunen und allen weiteren Unterstützern. Die Allianz für Niederwild zeigt zudem in vier Modellregionen anschaulich, wie es gelingt, Wildlebensräume und die Interessen der Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Um Rebhuhn-Lebensräume nachhaltig zu schaffen und zu sichern sind rebhuhnfreundliche Agrarumweltmaßnahmen zudem von besonderer Bedeutung", sagte die Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Friedlinde Gurr-Hirsch MdL. Hier liefere das Projekt wertvolle Impulse zur Weiterentwicklung der Förderprogramme, wie an der neuen Maßnahme „Blüh-, Brut- und Rückzugsflächen" (E7) im Förderprogramm für Agrarumwelt (FAKT) deutlich wird. Darüber hinaus wird derzeit an der Etablierung mehrjähriger Brachen, Lichtäcker und Stoppelbrachen im Förderprogramm gearbeitet.

 

Im Landkreis Tübingen sank die Zahl der Rebhühner ebenfalls immer schneller. Gab es dort 1980 noch 300 Reviere, waren es 2005 nur noch 70. Als 2015 nur noch 33 Reviere gezählt wurden, zog ein Team rund um das NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen, den Verein VIELFALT, die Initiative Artenvielfalt Neckartal (IAN) und das Landratsamt Tübingen die Reißleine. Sie gründeten ein gemeinsames Schutzprojekt, das im Rahmen der Fachtagung vorgestellt wurde.

 

„Im Landkreis Tübingen gibt es viele professionelle Ornithologinnen und Ornithologen, die den Bestand unserer bedrohten Feldvögel sehr genau beobachten. Ihrem ehrenamtlichen Engagement, der Landesförderung über PLENUM, großzügigen Stiftungsgeldern an unseren Projektträger – das NABU-Vogelschutzzentrum – und der engen Zusammenarbeit von Landratsamt und VIELFALT e.V. als Landschaftserhaltungsverband ist es zu verdanken, dass wir hier ein beispielgebendes Projekt zum Schutz des Rebhuhns auf die Beine stellen konnten", sagte Landrat Joachim Walter.

 

Auf rund 40 Hektar Fläche begleitet das Projektteam Landwirte und Kommunen bei der Anlage und Pflege von mehrjährigen Blühmischungen nach dem „Göttinger" und „Tübinger" Modell sowie die rebhuhngerechte Heckenpflege. Seit 2017 gibt es erste Anzeichen zur Hoffnung: Erstmals seit den 1980er Jahren konnte der Rückgang gestoppt und wieder Bestandzuwächse

 

registriert werden. Die wissenschaftlich dokumentierten Reviere auf festgelegten Zählstrecken im Landkreis stiegen von 33 im Jahr 2015 auf 55 im Jahr 2018. In diesem Jahr waren es 48 Reviere. In den Teilgebieten mit Maßnahmenflächen haben sich die Bestände etwa verdoppelt, in den Teilgebieten ohne Maßnahmen sind die Bestände weiter zurückgegangen. Dies zeigt die Wirksamkeit der umgesetzten Maßnahmen, aber auch die Notwendigkeit, in den weiteren verbliebenen Rebhuhngebieten Maßnahmen umzusetzen.

 

Karl-Heinz Lieber, Abteilungsleiter Naturschutz im Umweltministerium Baden-Württemberg, lobte die Bemühungen um das Rebhuhn und weitere Bewohner der Feldflur: „Wir müssen uns wieder mehr um die Artenvielfalt kümmern, global, aber auch ganz konkret hier bei uns in Baden-Württemberg. Das hat die Landesregierung erkannt, und gemeinsam mit dem Naturschutz und mit der Landwirtschaft arbeiten wir an einem besseren und nachhaltigen Schutz der biologischen Vielfalt. Der Rebhuhnschutz im Landkreis Tübingen ist ein fabelhaftes Beispiel für die bereits sehr gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz." Landrat Walter würdigte die Leistungen der bäuerlichen Kooperationspartner. „Dass wir mit dem Projekt schöne Erfolge vorweisen können, ist vor allem unseren Landwirtinnen und Landwirten zu verdanken, die sich dem Rebhuhnschutz verschrieben haben. Ohne ihren Einsatz, wäre das beste Konzept nichts wert!"

 

Damit Landwirtinnen und Landwirte für den Feldvogelschutz gewonnen werden und Planungssicherheit erhalten, sprach sich der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle für mehr Landesmittel für den Artenschutz aus. „Das Rebhuhn und zahllose weitere Tier- und Pflanzenarten befinden sich im freien Fall – und mit ihnen die kleinbäuerlichen Familienbetriebe. Schuld daran ist eine fehlgeleitete EU-Agrarförderung, die nach dem Gießkannenprinzip fördert, anstatt Landwirtinnen und Landwirte für den Schutz der Kulturlandschaft kostendeckend zu entlohnen. So lange diese rückwärtsgewandte Politik fortbesteht, muss das Land Baden-Württemberg selbst mehr Verantwortung übernehmen." Gemeinsam mit dem BUND, dem Landesnaturschutzverband, dem Landesjagdverband und zehn weiteren Verbänden fordert der NABU in einer Studie zur „Kulturlandschaft 2030" die Landesregierung auf, jährlich 225 Millionen Euro in den naturverträglichen Umbau der Landwirtschaft zu investieren.

 

Landesjägermeister Dr. Jörg Friedmann hob die Zusammenarbeit verschiedener Akteure für den Rebhuhnschutz in Baden-Württemberg hervor: „In den letzten Jahren haben wir im Land verbandsübergreifend im Rebhuhnschutz zusammengearbeitet – und das mit Erfolg. Auch diese gemeinsame Tagung zeigt, dass es uns mit dem Erhalt des Rebhuhns Ernst ist. Jetzt sind Landwirtschafts- und Umweltministerium gefragt unserem Beispiel zu folgen, indem sie hausübergreifend intensiv zusammenarbeiten."
 

 

Die Fachtagung „Perspektiven für das Rebhuhn – Status quo, Fördermöglichkeiten und Wege zum Erfolg" wird organisiert von: NABU Baden-Württemberg, Landesjagdverband Baden-Württemberg, Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg (LAZBW), VIELFALT im Landkreis Tübingen e. V.

 

Unterstützt wird die Rebhuhn-Fachtagung durch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, durch das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, PLENUM im Landkreis Tübingen, den Landkreis Tübingen, die Initiative Artenvielfalt Neckartal, das Projekt Allianz für Niederwild und die Ornithologische Gesellschaft Baden-Württemberg.

 

 

 

 

 


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